Tag der Arbeit, Tag der Arbeiter*innenbewegung, Internationaler Kampftag der Arbeiter*innenklasse: So viele Namen es für den 1. Mai gibt, so viele Vorstellungen gibt es über die Lohnarbeit.

Einigkeit darüber, ob an Lohnarbeit etwas zu kritisieren ist – und wenn ja: was – gibt es weder in dieser Gesellschaft insgesamt, noch innerhalb der Linken. Über ein paar verbreitete Vorstellungen wollen wir reden und sie auch kritisieren.

Wer mit Leuten über „die Arbeit“ spricht oder Gewerkschaftsaktivist*innen lauscht, wird ein Wort bestimmt schon oft gehört haben: Gerechtigkeit. An dieser scheint es oft zu mangeln.

Wer sich im Arbeitsleben über Ungerechtigkeit beschwert – ein niedrigerer Lohn als die Kolleg*innen, wiedermal bei einer Beförderung übergangen worden – äußert den Ärger in Form von „andere haben was und ich nicht – das ist ungerecht“. Der Fehler dabei ist: Bekommen die anderen nach der Klage weniger Geld oder wird die Beförderung zurückgenommen, wurde Gerechtigkeit auch wieder hergestellt, ohne dass sich an meiner Situation etwas verbessert hätte. Gerechtigkeit als Mittel für materielle Besserstellung: Fehlanzeige.

Wenn Gewerkschafter*innen von Gerechtigkeit sprechen, geht es ihnen um eine fairen, einen angemessenen Lohn. Um „gutes Geld für gute Arbeit“. Wer gerechten Lohn und Arbeitsverhältnisse einfordert, übersieht eines: Löhne und Arbeitsverhältnisse sind eine Frage von Machtkämpfen. Jeder Euro, der mehr für Lohn oder etwa Sicherheit am Arbeitsplatz ausgegeben wird, reduziert den Gewinn. Was soll also ein „gerechter“ Lohn zwischen den sich widersprechenden Interessen von Unternehmen und Arbeitenden sein?

Lange Arbeitstage, niedrige Löhne und viel Arbeitsdruck, das kennen viele und lasten das oft dem „gierigen“ Manager oder der „schlechten“ Chefin an. Der*die macht seine*ihre Arbeit schlecht bzw. zu unbarmherzig. Also wünschen sich manche „bessere“ Chefs, andere wiederum mehr Demokratie im Arbeitsleben und ein paar wenige fordern gar Selbstverwaltung.
Wir sagen: Egal ob arbeiten unter Chefs oder in einem selbstorganisierten Betrieb, die widersprüchlichen Interessen bleiben bestehen. Ob der Chef Löhne senkt und kündigt oder ob das im Plenum passiert, das macht nur oberflächlich einen Unterschied. Die Gründe für die unangenehmen Folgen von Lohnarbeit liegt nicht in schlechten Manager*innen, sondern im Zweck von Unternehmen, aus Geld mehr Geld zu machen. Dieser Zweck richtet sich notwendig gegen die Interessen der Lohnabhängigen.

Dann hört man oft: „Uns hier in Österreich geht’s doch gut! Wir leben im Wohlstand. Ausbeutung? Die gibt’s doch nur im ‚Globalen Süden‘! Und von deren Armut profitieren wir hier sogar!“ Die Behauptung ist: Durch die Ausbeutung der Menschen im „Global Süden“ bereichern sich die Lohnabhängigen im „Globalen Norden“. Klar: Die Lebensverhältnisse der Menschen in Staaten mit erfolgreicher Wirtschaft und derer in sogenannten „Entwicklungsstaaten“ unterscheidet sich deutlich. Davon abzuleiten, dass das Elend und die Armut in anderen Staaten durch den Konsum der Lohnabhängigen z.B. in Österreich zustande kommen, halten wir aber für grundfalsch. Sowohl die minimalen Löhne und lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen im „Globalen Süden“ als auch der ständig notwendige Kampf um den bescheidenen Wohlstand der Lohnabhängigen im ach so reichen „Globalen Norden“ ergeben sich aus der gleichen Logik: Der Gewinnkalkulation von Unternehmen. Je mehr Leistung aus möglichst geringem Lohn gepresst werden kann, umso besser für die Unternehmensbilanz. Im „Norden“ wie auch im „Süden“.

Das Leben als Lohnabhängige in unseren Breiten wie auch überall sonst ist also alles andere als ein Zuckerschlecken. Viele wollen das nicht hinnehmen – und das ist richtig so! Wenn sich Menschen jedoch an den Staat wenden – egal ob als Bittsteller*innen oder in kritischer Pose – und bessere Verhältnisse einfordern, machen diese einen Fehler. Sie sehen im Staat diejenige Instanz, welche die Übelkeiten dieser Gesellschaft zu beheben hätte – auch und besonders wenn es um Arbeit und Lohn geht. Dabei ist es gerade der Staat, der mit der Sicherstellung des Privateigentums die Verhältnisse schafft, welche so vielen Menschen auf dieser Welt schwer zu schaffen machen. Das ideale Bild vom Staat, der für seine Bevölkerung zu sorgen hat, wird hoch gehalten, anstatt die Frage zu stellen, warum ein Staat mit Arbeitslosengeld und Co die logischen Konsequenzen seiner Wirtschaftsordnung managt. Das halten wir für falsch und schädlich.

Mit diesen Worten wollen wir an einer handvoll verbreiteten Vorstellungen über Lohnarbeit Zweifel gesät oder zumindest Widerspruch erhoben haben. Ob ihr unsere Kritik teilt oder ihr widersprecht, wir freuen uns, wenn wir ins Gespräch kommen!

Um die lebensfeindlichen Zustände in dieser Gesellschaft zu beseitigen arbeiten wir daran, mehr Leute davon zu überzeugen, dass die herrschende Gesellschaftsordnung nicht in ihrem Interesse ist. Für diese Überzeugungsarbeit ist es notwendig, jene Ordnung zu verstehen und erklären zu können.

Deshalb laden wir euch ein: Denkt mit uns weiter! Diskutiert mit uns. Arbeitet mit uns an einer Kritik, die trifft. Kommt zu unseren Veranstaltungen, sprecht uns an, meldet euch online. Bringt euch ein in unsere Diskussionen und Aktionen.